{"id":2362,"date":"2021-02-02T12:00:00","date_gmt":"2021-02-02T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/globalenachbarn.org\/?p=2362"},"modified":"2023-01-09T00:17:37","modified_gmt":"2023-01-09T00:17:37","slug":"ein-jahr-mit-corona-in-sobradinho","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/globalenachbarn.org\/?p=2362","title":{"rendered":"Gente Valente trotz Corona"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"md-end-block md-heading\"><span class=\"md-plain md-expand\">Notizen eines Gespr\u00e4chs von Guido Hinz mit Marta Maria de Souza<br><\/span><\/h4>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">Am Ende eines recht turbulenten Jahres haben Marta und ich es geschafft, uns f\u00fcr den 23.12. abends zum Gespr\u00e4ch \u00fcber facebook zu verabreden. Aus dem Abend wurde Nacht, denn erst gegen 00:15 Uhr war Marta online (Ortszeit Sobradinho 20:15 Uhr). Sehr sch\u00f6n war, dass wir diesmal nicht &#8222;nur&#8220; Textnachrichten ausgetauscht, sondern uns richtig unterhalten haben. Sie kam gerade von einem kleinen &#8222;Betriebsausflug&#8220; mit ihren Mitarbeiterinnen zur\u00fcck und war ziemlich geschafft. Am vergangenen Wochenende hatten sie in beiden Einrichtung mit den Kindern und Jugendlichen den Jahrsabschluss gefeiert, bevor es nun in die gro\u00dfen &#8222;Sommerferien&#8220; geht. Sie nahmen sich nach den Aufr\u00e4umarbeiten diese Gelegenheit, nochmal als &#8222;Team&#8220; zusammen zu sein. Marta hatte daf\u00fcr das Dorf Tra\u00edras ausgew\u00e4hlt, etwa 30 km von Sobradinho aus in die Caatinga.<\/span><!--more--><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\"> Sie sagt, dass viele junge Leute aus Sobradinho fast gar nichts vom Leben im &#8222;Sert\u00e3o&#8220; &#8211; in der Wildnis &#8211; wissen. Obwohl nur eine Kleinstadt mit sch\u00e4tzungsweise 30.000 Einwohnern, ist Sobradinho doch so st\u00e4dtisch strukturiert, dass die meisten, die hier wohnen, keinen Grund haben und auch kaum M\u00f6glichkeiten die kleinen D\u00f6rfer und H\u00f6fe im Umkreis zu besuchen. Wer in Sobradinho Landwirtschaft betreibt, hat sein Feld oder seinen &#8222;Arbeitsplatz&#8220; auf einer Plantage eher in der N\u00e4he von Fluss oder Stausee, nicht aber in der abgelegenen Caatinga mit Ziegenherden, Maniok und Kakteen. So haben sie also den Tag genutzt, um die andere Seite Sobradinhos besser kennenzulernen, die Ruhe dort zu genie\u00dfen, R\u00fcckblick zu halten und sich auf das kommende Jahr einzustimmen.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">Es war in Sobradinho &#8211; wie fast \u00fcberall in Brasilien und der ganzen Welt &#8211; ein verr\u00fccktes Jahr. W\u00e4hrend die brasilianische Bundesregierung unter Pr\u00e4sident Bolsonaro es eher locker angehen l\u00e4sst mit Corona, haben andere Ebenen der Verwaltung teils rigorose Ma\u00dfnahmen ergriffen. Seit dem 18. M\u00e4rz sind in Sobradinho alle Schulen und \u00fcberhaupt alle Einrichtungen f\u00fcr Kinder, die die Pr\u00e4fektur oder der Bundesstaat Bahia betreiben, durchgehend geschlossen, bis jetzt am Ende des Schuljahres. Es sollte einen &#8222;virtuellen&#8220; Unterricht geben. In Sobradinho sah der so aus, dass alle Kinder und Jugendlichen, in deren Haushalt es ein geeignetes Smartphone gibt, dar\u00fcber &#8222;beschult&#8220; werden sollten. \u00dcber Computer (Laptop) verf\u00fcgen in dieser Region nur wenige Haushalte. In ganz Brasilien verf\u00fcgen weniger als die H\u00e4lfte aller Haushalte \u00fcber einen Computer, f\u00fcr die l\u00e4ndliche Region im Nordosten ist die Quote viel geringer. \u00dcber die Smartphones findet kaum eine Kommunikation zwischen Lehrern und Sch\u00fclern statt. Es l\u00e4uft meist auf das Angucken von Youtube-Videos hinaus, mit welchem Inhalt auch immer. Die Familien ohne Smartphone und Internet erhalten ein &#8222;Kit&#8220; mit Aufgaben und Anleitungen f\u00fcr den &#8222;Distanzunterricht&#8220;. Wenn sich in der Familie aber keiner findet, der Zeit zur Betreuung der Kinder hat und auch noch einigerma\u00dfen lesen kann, ist der Effekt \u00e4hnlich \u00fcberschaubar wie bei den Familien mit Smartphone und Internet. Die Misere und Absurdit\u00e4t der &#8222;Bildungssituation&#8220; wirkt noch krasser, wenn man betrachtet, wie bei Veranstaltungen des Kommunalwahlkampfs von August bis Oktober jegliche Vorsicht in Bezug auf Corona \u00fcber Board geworfen wurde. So ist in einigen Bereichen des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens kaum etwas von Schutzma\u00dfnahmen oder Einschr\u00e4nkungen zu merken.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">In den ersten f\u00fcnf Monaten des brasiliansichen &#8222;Lockdown&#8220; hat die Arbeit von Gente Valente sich darauf konzentriert, regelm\u00e4\u00dfig Lebensmittelpakete an die Familien zu verteilen. Marta berichtet, dass das F\u00f6rderprogramm Bahias f\u00fcr die Lieferung von Lebensmitteln aus der lokalen und vor allem kleinb\u00e4uerlichen Landwirtschaft an soziale Einrichtungen bei ihnen gut funktioniert hat. Sie bekamen mehrmals pro Monat Lieferungen, die sie dann abgepackt und verteilt haben. So konnten sie etwas Kontakt halten und die Situation der Kinder zu Hause beobachten. In Einzelf\u00e4llen war konkrete Hilfe m\u00f6glich. Einige Familien waren von Corona betroffen. Die gr\u00f6\u00dferen Probleme gab es aber wegen steigender Lebensmittelpreise, fehlender Kinderbetreuung, Schwierigkeiten bei der Erwerbsarbeit und nat\u00fcrlich durch Alkohol, andere Drogen und h\u00e4usliche Gewalt.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">Anfang September entschieden Marta und ihr Team, die Einrichtungen Gente Valente und Casa Antonita schrittweise wieder zu \u00f6ffnen. Die teils desolaten Lebensumst\u00e4nde der Kinder zu Hause wollten sie nicht l\u00e4nger mit ansehen. Damit setzten sie sich \u00fcber die Verordnungen der Verwaltung hinweg, was nur mit der ausdr\u00fccklichen Zustimmung der Familien m\u00f6glich war. Sie begannen mit zwei Gruppen der drei- bis vierj\u00e4hrigen Kinder, jeweils aufgeteilt auf Vor- und Nachmittag. Nach einigen Wochen kamen einige S\u00e4uglinge und Kleinkinder dazu und schlie\u00dflich auch die Vor- und Grundschulkinder. Im November und Dezember waren 75 Kinder regelm\u00e4\u00dfig in der Einrichtung. Die Vorschulkinder konnten das Jahr sogar mit einer Art &#8222;ABC-F\u00fchrerschein&#8220; abschlie\u00dfen, ein gro\u00dfer Erfolg. Kein einziger Fall von Corona trat w\u00e4hrend dieser Zeit in der Einrichtung auf. \u00c4hnlich ging es in der Casa Antonita, wo C\u00e2ndida als Mitarbeiterin 14 M\u00e4dchen in zwei Gruppen betreute.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">In diesem Jahr musste die Stiftung Antonita Bandres erstmalig ganz ohne die Unterst\u00fctzung der Hilfsorganisation SEIAS vom Orden &#8222;Filhas de Jesus&#8220; auskommen. Der Orden der Schwestern, die 1989 den Aufbau von Gente Valente als Kindergarten begonnen hatten, unterst\u00fctzte die Einrichtung all die Jahre mit einem gro\u00dfen Betrag, insbesondere f\u00fcr die Ern\u00e4hrung der Kinder. Schwester Ang\u00e9lica sorgte durch Mittel, die sie pers\u00f6nlich aufbrachte, f\u00fcr eine bescheidene Aufwandsentsch\u00e4digung, mit der Marta die ehrenamtlich t\u00e4tigen Mitarbeiterinnen zumindest etwas unterst\u00fctzen konnte. Das alles lief im Jahr 2019 aus und es war nicht klar, wie das Team um Marta dies verkraften und ausgleichen w\u00fcrde. Mit gro\u00dfem pers\u00f6nlichen Einsatz im vorigen Jahr und zu Beginn des Jahres erreichte Marta bei der Kommunalverwaltung und beim Pr\u00e4fekten, dass sie f\u00fcnf Mitarbeiterinnen von Gente Valente mit einem Mindestlohn bezahlten. Die Mitarbeiterinnen &#8211; zehn Erzieherinnen und weitere Helfer f\u00fcr K\u00fcche und Hauswirtschaft &#8211; teilten das Geld solidarisch, so dass alle zumindest etwas in der Tasche hatten. F\u00fcr die Ern\u00e4hrung war das erw\u00e4hnte F\u00f6rderprogramm des Staates Bahia eine gro\u00dfe Hilfe. Die Unterhaltskosten der beiden H\u00e4user und der Stiftung als ganzer waren dank der Unterst\u00fctzung von GN und weiterer Spender gesichert, f\u00fcr Marta eine gro\u00dfe Entlastung.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">Um die Mitarbeiterinnen zu f\u00f6rdern und die Qualit\u00e4t der p\u00e4dagogischen Arbeit in Gente Valente zu sichern, hat GN seit 2018 eine Gruppe von Erzieherinnen bei ihrer Ausbildung unterst\u00fctzt. In einer Art Blockunterricht bot eine private Bildungseinrichtung &#8211; vergleichbar mit einer beruflichen Fachschule bei uns &#8211; einen vierj\u00e4hrigen Kurs f\u00fcr P\u00e4dagogik an. GN gab einen Zuschuss f\u00fcr die Kursgeb\u00fchren. Leider konnte der Kurs seit M\u00e4rz nicht mehr in Pr\u00e4senz stattfinden, ebensowenig wie die Kurse an anderen Hochschulen. Die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr einen &#8222;virtuellen&#8220; Unterricht haben sich nach ersten Versuchen als sehr bescheiden erwiesen. Die Einrichtung bot daraufhin den Frauen an, ihren Abschluss mit einem (sehr) eingeschr\u00e4nkten Fernunterricht zu erhalten, wenn sie die Geb\u00fchren f\u00fcr 2020 und 2021 weiter bezahlten. Marta sieht das sehr kritisch, denn trotz formalem Abschluss erhalten die Frauen so keine wirkliche Qualifikation. Wie viel sie damit nachher anfangen k\u00f6nnen, ist zweifelhaft. Trotzdem haben sich drei der jungen Frauen f\u00fcr diesen Weg entschieden. Die Alternativen \u00fcberzeugen auch nicht, denn die Fortsetzung des Kurses in einer anderen Bildungseinrichtung ist zwar theoretisch m\u00f6glich, praktisch nehmen sie dort aber zur Zeit &#8211; wegen Corona &#8211; keine Quereinsteiger an. Den Frauen, die diese Option w\u00e4hlten, bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als abzuwarten oder die Ausbildung ganz von vorne zu beginnen. Marta hofft, dass sich im Januar oder Februar &#8211; mit dem Beginn des n\u00e4chsten Schul- bzw. Ausbildungsjahres &#8211; noch eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr sie er\u00f6ffnet. Das ist aber sehr ungewiss.<\/span><\/p>\n<p class=\"md-end-block md-p\"><span class=\"md-plain\">Die Kommunalwahlen im November verliefen so, wie zu erwarten war. Die Kandidaten mit einflussreichen Clans im Hintergrund, gen\u00fcgend Geld und wenig Skrupeln bei Wahlgeschenken und Bestechung haben sich durchgesetzt. Der vorige Pr\u00e4fekt aus der Familie Berti konnte seinen Kandidaten, Cleivinho, erfolgreich als Nachfolger und &#8222;Marionette&#8220; installieren. Immerhin hatte Marta mit ihm vor der Wahl schon mal ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren k\u00f6nnen. Dabei gewann sie den Eindruck, dass er zumindest leichter zug\u00e4nglich und gespr\u00e4chsbereiter ist als sein Vorg\u00e4nger. Er wird nach Martas Einsch\u00e4tzung nicht viel selbst entscheiden, sondern vor allem den Willen der Leute im Hintergrund umsetzen. Zumindest besteht mit ihm eine Chance, die in diesem Jahr begonnene Bezahlung von f\u00fcnf Erzieherinnen fortzusetzen, zumal die &#8222;Sekret\u00e4rin f\u00fcr Bildung&#8220; in der Kommunalverwaltung dieselbe bleibt. Damit es tats\u00e4chlich geschieht, wird Marta im Januar und Februar viel Zeit einsetzen m\u00fcssen, um immer wieder bei der Verwaltung und beim Pr\u00e4fekten vorzusprechen und zu bohren, bis sie endlich etwas tun. Sie rechnet fr\u00fchestens f\u00fcr M\u00e4rz damit, dass die Bezahlung fortgesetzt wird, wenn \u00fcberhaupt. Das Schul- und Kindergartenjahr beginnt in der zweiten Februarwoche. Sie m\u00fcssen also f\u00fcr die erste Zeit mit den Reserven aus diesem Jahr arbeiten und mit der Unsicherheit, wie es weitergeht. Nach den Weihnachtstagen hat Marta noch einige Arbeit mit der B\u00fcrokratie vor sich. Sie schlie\u00dft die Buchf\u00fchrung der Stiftung f\u00fcr das Jahr ab, muss Berichte verfassen und die Kinder bei der Beh\u00f6rde f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr registrieren. Bevor die Ferien zu Ende gehen, hofft sie, im Januar noch etwas Zeit bei ihren Eltern in Pernambuco verbringen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notizen eines Gespr\u00e4chs von Guido Hinz mit Marta Maria de Souza Am Ende eines recht turbulenten Jahres haben Marta und ich es geschafft, uns f\u00fcr den 23.12. abends zum Gespr\u00e4ch <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/globalenachbarn.org\/?p=2362\">Weiter lesen \u2192<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,4,103,3,84],"tags":[],"class_list":["post-2362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-caa","category-gv","category-public","category-so","category-startseite"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2362"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2368,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2362\/revisions\/2368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/globalenachbarn.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}